Interview mit Tanja Gönner: "Laufzeitverlängerung nicht zum Nulltarif"
Tanja Gönner (CDU), Umweltministerin des Landes Baden-Württemberg
Frau Gönner, Sie sind in der CDu eine starke Befürworterin der erneuerbaren Energien. Warum?
Als Umweltministerin sehe ich den weltweit steigenden Energieverbrauch mit zugleich zunehmendem Ausstoß von CO2 mit großer Sorge. Gleichzeitig schwinden die Energierohstoffvorkommen. Mit wachsender Nachfrage steigen außerdem die Preise und es wächst die Abhängigkeit von Energieimporten. In den erneuerbaren Energien liegt der Schlüssel für eine nachhaltige Energieversorgung. Wir stehen vor der großen Herausforderung, für die Zukunft klimafreundlich Energie bereitzustellen ? bei ausreichender Versorgungssicherheit und für einen für die Menschen noch bezahlbaren Preis.
Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung beschäftigt sich intensiv mit der Förderung der erneuerbaren Energien. Er beinhaltet gleichzeitig auch die Bereitschaft zu einer Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein. Denn Laufzeitverlängerungen gibt es nicht zum Nulltarif. Wir wollen den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen, indem die aus längeren Laufzeiten zusätzlich erzielten Erträge mindestens zur Hälfte in den Ausbau erneuer barer Energien, in Energieforschung und Effizienztechnologien investiert werden. Außerdem sind mit längeren Laufzeiten erhöhte Sicherheitsanforderungen verbunden. So kann Kernenergie als Brückentechnologie genutzt und der sonst notwendig werdende Zubau von Kohlekraft vermieden werden.
Die Akzeptanz der Kernenergie leidet in Deutschland auch darunter, dass es noch kein Endlager für hochradioaktive Abfälle gibt. Ist in diesem Bereich nun eine Lösung in Sicht?
Das wird jetzt im Moment niemand genau sagen können. Entscheidend ist dazu, dass möglichst zügig die Erkundungsarbeiten am Salzstock Gorleben wieder aufgenommen werden. Derzeit gibt es keine fundierten Hinweise, die Zweifel daran begründen könnten, dass Gorleben geeignet ist. Ob Gorleben aber dann tatsächlich zum Endlagerstandort taugt, wird man erst wissen, wenn die Erkundung abgeschlossen ist. Die Endlagerfrage muss ergebnisorientiert ausgerichtet werden.
Deutschland leidet unter der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Wie viel Klimaschutz können wir uns da leisten?
Gerade angesichts der Wirtschaftskrise können wir es uns nicht leisten, den Klimaschutz auf die lange Bank zu schieben. Moderne Umwelttechnologien geben wichtige Impulse für den notwendigen Strukturwandel unserer Wirtschaft und sind außerdem schon heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Nicht zu handeln wird im Übrigen abgesehen von den verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt wesentlich teurer.
Welche Rolle spielt für Sie die Kernenergie bei Deutschlands Klimaschutzzielen?
Kernenergie ist eine Brückentechnologie. Über den Betrieb sicherer Kernkraftwerke kann vermieden werden, dass fossile Kraftwerke erweitert oder zu gebaut werden müssen. Die Kernkraftwerke produzieren CO2-freien Strom. Wenn wir 40 Prozent CO2-Reduktion erreichen wollen, sehe ich die Kernenergie als über das Jahr 2020 hinaus notwendig an.